Mentaltraining Teil 1 – wieso es ein Thema ist und warum Läufer davon profitieren können

Mentaltraining Teil 1 – wieso es ein Thema ist und warum Läufer davon profitieren können

Mentaltraining Teil 1 – wieso es ein Thema ist und warum Läufer davon profitieren können 1024 414 Kim-Dania Schierhorn

 

“Thresholds don’t exist in terms of our bodies. Our speed and strength depend on our body, but the real thresholds, those that make us give up or continue the struggle, those that enable us to fulfill our dreams, depend not on our bodies but on our mind and the hunger we feel to turn dreams into reality.”[1]

Wir als Athleten, aber auch als Trainer haben Ziele. Ziele, die wir erreichen wollen und für die wir viel zu investieren bereit sind. Auf dem Weg dorthin arbeiten wir an Geschwindigkeit und Ausdauer. Der Trainingsplan umfasst Einheiten zur Steigerung unser Ausdauerwerte wie VO²max, Tempo an der Laktatschwelle und aerober Leistungsfähigkeit. Be- und Entlastung sind genau aufeinander abgestimmt, denn an Tag X wollen wir nichts dem Zufall überlassen und perfekt vorbereitet am Start stehen.

Doch was machen wir, wenn mit zunehmender Wettkampfdauer Erschöpfung und Schmerz immer größer werden? Vielleicht bekommen wir unerwartet Blasen an den Füssen, unser Magen beginnt zu rebellieren und es regnet in Strömen. Plötzlich treten immer mehr Hindernisse auf dem Weg zum Ziel auf und während wir uns bereits in einem mentalen Tief befinden, zieht auch noch unser ärgster Konkurrent/ärgste Konkurrentin leichtfüßig an uns vorbei.

 

Jetzt kommt es darauf an, möglichst schnell aus dieser Krise wieder herauszukommen, neue Kraft zu schöpfen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ein starker Willen und mentale Stärke können in solch einer Situation entscheidend sein.

Im Zuge meiner Abschlussarbeit an der Deutschen Sporthochschule Köln konnten wir in einer Untersuchung mit 255 Ultramarathonläufern zeigen, dass erfolgreiche Läufer über besonders gute Fähigkeiten der Selbststeuerung verfügen. Im Vergleich zur Norm-Stichprobe wiesen diese eine signifikant geringere Ausprägung in ihrer Selbstblockierung auf. Dies haben wir als Hinweis darauf interpretieren, dass erfolgreiche Athleten mit auftretenden Schwierigkeiten anders umgehen und sich davon bei Wettkämpfen und im Training seltener beeinflussen lassen[2].

Das Zitat von Kilian Jornet am Anfang dieses Textes beschreibt die Situation ganz gut: Geschwindigkeit, Kraft [und Ausdauer] werden zwar durch unseren Körper und seine Leistungsfähigkeit begrenzt, unsere wahre Limitation ist jedoch unser Geist. Denn dieser entscheidet letztendlich darüber, ob wir [bei aufkommenden Problemen und Hindernissen] aufgeben oder bis zum Ende weiterkämpfen und unsere Träume erfüllen.

Und Kilian sollte es wissen, schließlich ist er einer der größten und erfolgreichsten Ausdauerathleten unserer Zeit, der über eine unglaublich hohe maximale Sauerstoffaufnahme von 92ml/min/Kg Körpergewicht verfügt[3] (Vergleich: Michael Arend (10km Zeit: 34min): 64ml/min/Kg Körpergewicht). Trotzdem ist ihm bewusst, wie wichtig mentale Stärke ist.

In den letzten Jahren konnte die Bedeutung und der positive Zusammenhang von Mentaltraining und sportlichem Erfolg zunehmend erforscht und nachgewiesen werden[4]. Dennoch gehört die sportpsychologische Betreuung in Deutschland, selbst im Spitzensport, noch nicht zum Standard und wird in vielen Sportarten noch immer stiefmütterlich behandelt oder sogar belächelt.

Da jedoch nicht nur die physiologische, sondern auch die psychologische Verfassung und Vorbereitung auf einen Wettkampf über Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann, stellen wir euch dieses wichtige Thema in den nächsten Blogartikeln einmal genauer vor.

Wir erklären euch, wie ihr eure Performance mithilfe bestimmter Techniken und kognitiver Fertigkeiten wie Zielsetzung, Selbstgesprächs- und Aufmerksamkeitsregulation und Visualisierung verbessern könnt und geben euch Tipps zum Überwinden von Krisen im Wettkampf und Trainingsablauf mit an die Hand. Außerdem haben wir die derzeit erfolgreichste deutsche Ultratrail-Läuferin und Diplom Psychologin Eva Sperger zu ihren mentalen Tricks und psychologischen Strategien befragt und verraten euch, was sie aus der Sicht der doppelten Expertin dazu sagt.

Dennoch: trotz der großen Bedeutung von Psyche, Willenskraft und mentaler Stärke sei vorab gesagt: Mentaltraining kann deine physiologische Leistungsfähigkeit nicht verbessern, aber es kann dir helfen, im Training und im Wettkampf das Maximum aus dir herauszuholen und alle Reserven, die in dir stecken, zu aktivieren.

Quellen:

[1] Jornet, K. (2013). Run or Die. Boulder: Velopress.

[2] Schierhorn, K.-D. (2017). Versetzt der Wille Berge? Selbststeuerungsfähigkeiten von Ultramarathonläufern. Masterthesis, Deutsche Sporthochschule Köln.

[3] Jornet, K. (2018, 30. Mai). About. Zugriff unter http://www.kilianjornet.cat/en/about-me.

[4] Simons, J. (2012). Endurance Psychology. In Mujika, I., Endurance Training. Science and Practise (S. 199-210). Basque Country: Samper Impressores.[/fusion_text][/fusion_builder_column][/fusion_builder_row][/fusion_builder_container]

4 Kommentare
  • Alex R. 10. Juni 2018 um 12:00

    Ich freue mich auf die Fortsetzung!

    Etwas erstaunt bin ich über die Grafik: Da sieht es so aus als ob es in Sachen maximaler psychologierscher Leistungsfähigkeit zwischen ambitonierten Freizeitläufern und Vollprofis keine Unterschiede gibt. Ist das so? Aber ich vermute mal die Grafik soll zeigen: Je phsysiologisch untrainierter desto mehr hilft mentale Stärke. Ha! Ich wußte, dass Aquajogging zu etwas gut ist. Mental gehört da schon einiges dazu im Freibad mit Gürtel ins Wasser zu steigen, nicht vorwärts zu kommen und zu schnaufen wie ein Walroß. Diese mitleidigen Blicke „Och guck mal der alte Mann kann nicht mal schwimmen“, die muß man erst mal aushalten 🙂

    • Kim-Dania Schierhorn 14. Juni 2018 um 10:40

      Hallo Alex,
      das ist in der Tat eine berechtigte Nachfrage.
      Mentale Stärke ist sehr wichtig für die maximale Leistung, die ein Sportler am Tag X abrufen kann.
      Aber selbst, wenn ein ambitionierter Freizeitsportler mental genauso stark wäre wie Kilian, wird er dennoch
      nicht annähernd an dessen Leistungsfähigkeit herankommen.
      Kilians physiologische Leistungsfähigkeit ist deutlich größer.

  • David 14. Juni 2018 um 09:54

    Hi Michael Arend Team,
    ich freue mich auf die weiteren Blog Beiträge. Ein Interview mit Eva wär sicherlich auch sehr interessant und mit größerer Reichweite…
    Kim: ist eine Thesis Online verfügbar ?

    Cheers
    David

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